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Die Leere begreifen

2016-12-09

Man hört oft, die Leere sei ein Mangel an Farbe, also eine Art "Schwarz", das sich endlos ausdehnt. Oder genau umgekehrt: Weil sie leer ist, gebe es schlicht nichts, was man sich vorstellen könnte. Beide Vorstellungen erscheinen mir falsch, und ich glaube, einen Weg gefunden zu haben, der jedem offensteht, um sich die Leere begreiflich zu machen.

Eine vorbereitende Übung

Um dem nahezukommen, was ein blinder Mensch täglich wahrnimmt, beginnen wir beim Rand unseres eigenen Sehfelds. Wenn du darüber nachdenkst, welche Form hat er?

  • ein quadratisches Bild?
  • ein rechteckiges Bild?
  • ein Bild mit doppeltem Kreis?

Technisch gesehen lässt die Pupille das Licht durch eine runde Öffnung, und auch die Netzhaut ist als Kreis angelegt. In der Theorie müssten wir also etwas wie einen doppelten Kreis wahrnehmen.

In der Praxis ist es jedoch unmöglich, die Ränder unseres Sehfelds zu sehen. Versuch es: Du findest die Grenze nie, sie entzieht sich jedes Mal. Ein Bild kann als Ausgangspunkt dienen, bleibt aber eine Annäherung. Denk lieber an einen Fernseher. Das Bild auf dem Schirm ist unser Sehen. Die Ränder des Schirms sind die Form dieses Sehens. Und was das Gerät umgibt, der Raum ringsum, das ist die Leere. Gerade dank dem, was jenseits des Randes liegt, können wir die Leere bestimmen.

Die Leere bestimmen

Kehren wir zur Übung zurück. Stell dir vor, was jenseits der Ränder deines Sehfelds liegt. Versuch, nur mit den Augen zu sehen, was sich hinter dir befindet, ohne dich umzudrehen und ohne spiegelnde Fläche. Gibst du auf? Ist an dieser Stelle deines Sehens "nichts"? Genau, du hast dir gerade zum ersten Mal die Leere vorgestellt.

Es will noch nicht klappen? Geh zurück zum Fernseher und zum Raum ringsum. Was bliebe übrig, wenn du die Ränder deines Sehfelds wirklich sehen und dann darüber hinausblicken könntest? Konzentrier dich auf dieses "Danach". Bei manchen Menschen dauert es etwas, und das ist völlig normal.

Ein Schlusswort

Wie ich am Anfang sagte, stellen wir uns die Leere oft als Schwarz oder Weiß vor, obwohl sie weder das eine noch das andere ist. Ein von Geburt an blinder Mensch hatte, je nach Art der Behinderung, nie Zugang zu den Funktionen des Auges. Die Taubheit hilft hier, weil sie leichter zu fassen ist. Stell dir vor, von Geburt an taub zu sein: Du hörst die Natur nicht, nicht den Wind, nicht die Autos, die durch die Straße fahren. Was du wahrnimmst, ist keine "Stille", es ist schlicht eine Abwesenheit von Klang. Für das Sehen funktioniert die Leere genauso. Sie ist nicht Schwarz oder Weiß, sie ist eine Abwesenheit des Sehens.

Wenn du dir die Leere nach dieser Übung immer noch nicht vorstellen kannst, schreib mir, und wir gehen die Überlegung Schritt für Schritt durch. Und wenn es funktioniert hat und dich das Ergebnis überrascht, teil den Artikel gern.